Muss "Waldorf" teuer sein?

 Eine Email von Sophia erinnerte mich heute wieder daran, dass ich schon lange das Bedürfnis hatte, einen Post zu diesem Thema zu verfassen. Deshalb ergreife ich heute mal die Gelegenheit und erzähle euch etwas davon, wie wir dieses Rätsel für uns lösen.


Als unser erstes Kind vor fast 6 Jahren auf die Welt kam, waren mein Mann und ich gerade 21 Jahre alt. Wir lebten von seinem festen Einkommen und dem, was ich mit meiner Selbständigkeit dazu verdiente. Seit einem Praktikum im Waldorfkindergarten vor vielen Jahren, stand für mich schon immer fest, dass dies der richtige Weg für uns ist.

Also begann ich schon während der Schwangerschaft mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich wälzte Bücher, durchforstete das Internet und unterhielt mich mit Gleichgesinnten. Komischerweise gab es aber zwischen dem, was in den Ratgebern zu lesen war und dem, was die Fotos und Berichte im Internet und bestimmte Kataloge ausstrahlten eine große Lücke. Als ich in den Büchern las: "Einfach ist besser", "unfertiges Spielzeug, das die Fantasie anspricht", "vollwertiges, gesundes Essen", "eine ruhige, harmonische Atmosphäre zuhause", "natürliche Bekleidung", usw., dachte ich: "Ja genau, das ist es!". Die Realität sah aber anders aus, anscheinend musste man Regale voll Holzfiguren, Körbe mit Seidentüchern und sich biegende Regale voll kostbarer Edelsteine besitzen. Das Kinderzimmer sollte idealerweise nur mit handgewebtem Schurwollteppichen ausgelegt sein, die Möbel aus massiver Erle, aus nachhaltiger Forstung versteht sich, und gutes Essen bedeutete eine Komplettumstellung auf Demeter, vernünftige Kleidung aus Naturbekleidungskatalogen kostete ein kleines Vermögen. Wie sollten wir das Bezahlen? Wie wollten wir eine "mit den einfachen Dingen Glücklichsein"-Einstellung vermitteln, uns aber gleichzeitig diesem Trend unterwerfen?


Deshalb setzten mein Mann und ich uns zusammen und machten uns eigene Gedanken dazu (und machen es bis heute so).
Wir kamen zu dem Schluss, dass wir viele Dinge gar nicht brauchen, um so zu leben wie wir das wollen...
- Muss es wirklich ein komplett neues Baby- oder Kinderzimmer sein, oder tut es nicht auch das Massivholz-Bettchen in dem schon ich früher geschlafen habe?

- Das Gleiche gilt für die Kleidung. Eine Grundausstattung von guter Wollwäsche und Stoffwindeln haben wir angeschafft, aber für darüber haben wir von vielen Seiten schöne Baumwoll- und Wolle-Kleidung geschenkt und geliehen bekommen. Es waren dann zwar nicht nur neue Sachen dabei, aber dafür sind die Schadstoffe dann auch schon lange ausgewaschen...


- Mittlerweile haben wir eine stattliche Sammlung von Holzfiguren, die wir uns nach und nach von Familie und Freunden zu verschiedenen Festen zusammengewünscht haben. Aber braucht man die Figuren wirklich?
Ich denke nicht. Meine Kinder spielen genauso gerne mit den Tieren und Figuren, die ich für sie gestrickt und genäht habe. Dabei spielt es über haupt keine Rolle, ob die Sachen die "richtige Größe" haben. Ihre Vorstellungskraft zaubert alles so, dass es ganz genau zusammenpasst. Und so geht es mit vielen Dingen, die man glaubt haben zu müssen, damit es richtig "Waldorf" ist.

- Was ist mit dem Essen? Bio-Essen ist teuer, das steht fest. Aber wenn man ein paar Dinge beachtet, kann man sich auch mit wenig Geld gut ernähren.
1. Wir essen saisonal und regional wo es geht. Bio-Tomaten aus Israel im Dezember sind natürlich wesentlich kostspieliger als ein Wirsing aus einem deutschen Bio-Betrieb.
2. Fleisch gibt es nur selten, wenn überhaupt. Denn Bio-Fleisch kostet verständlicherweise einiges mehr als normal Produziertes. Und meine Kinder mögen es eh nicht soo gerne.
3. Wo immer es möglich ist, bauen wir unser Obst und Gemüse selber an. Als wir noch zur Miete gewohnt haben, konnten wir die Gärten unserer Eltern mitnutzen. Heute vergrößern wir langsam unsere eigenen Beete. Wer kein eigenes Grundstück hat, kann vielleicht mit mehreren Familien einen Schrebergarten bewirtschaften?
4. Wir essen nach Plan. Kein starrer Plan, der keine Ausnahmen vorsieht, aber wenn man weiß, was gekocht werden soll, kann man besser die Kosten einplanen. In Anlehnung an den anthroposophischen Wochenplan (Montags Reis, Dienstags Gerste, Mittwochs Hirse usw.), gibt es bei uns viele Getreidegerichte mit Gemüse, die nämlich sehr kostengünstig sind!


Ansonsten muss man sich davon freimachen, dass man nur die Waldorfpädagogik lebt, wenn das Haus und dessen Bewohner aussehen, wie aus einem Öko-Katalog entsprungen. Für uns zählt die Grundeinstellung.
Uns ist es z.B. wichtig, dass die Dinge mit denen wir uns umgeben Schadstofffrei sind, dass sie unter fairen Bedingungen hergestellt werden, wir die Umwelt schonen und achten, und wir unseren Kindern vernünftige Ernährung mitgeben, usw.

Aber eine günstige Knete, von Ökotest gut getestet, ist nicht schlechter als das reine Knetbienenwachs, wenn ich mich mit meinem Kind hinsetze und schöpferisch damit gestalte.

Ein Spielzeugregal, dass mit Zapfen, Schafwolle, Kastanien und schönen Baumwolltüchern gefüllt ist, regt genauso (wenn nicht noch mehr) die Fantasiekräfte im Kind an, wie ein Regal voll mit speziellen Holzspielzeugen.

Wenn ich kein Haus mit Garten habe, kann ich trotzdem mit meinem Kind raus in die Natur gehen. In Wald und Feld, im Park Vögel beobachten, die unterschiedlichen Strukturen von Moos, Baumrinde und Steinen erfahren.

Auf dem Jahrezeitentisch lassen vom Spaziergang mitgebrachte Dinge, Gebasteltes und eine zur Jahreszeit passende Postkarte , auch ohne gekaufte Blumenkinder und Seidentücher etc, das Kind visuell den Jahreslauf drinnen erleben.


Ich denke, wer sein Dasein als "Waldorf"-Eltern an Äußerlichkeiten festmacht, hat die Essenz, dass was Rudolf Steiner meinte, noch nicht verinnerlicht.
Waldorfpädagogik, in meinen Augen, heißt vor allen Dingen bereit sein beständig zu lernen, auf sich und sein Verhalten zu achten und jedes Kind individuell zu betrachten.

Ich würde gerne noch mehr dazu schreiben und mich mit euch austauschen, denn auch davon lebt unsere Einstellung zur Waldorfpädagogik: Über den eigenen Tellerrand hinausgucken bereit sein Ansichten zu überdenken.

Wie seht ihr das? Wie setzt ihr das für eure Familie zuhause um? Was betrachtet ihr völlig anders?

Ich freue mich auf eure Anregungen!
Hanna

P.S.: Wenn ihr auf der Suche nach Anregungen zum Thema "Waldorf on a Budget" seid, schaut mal bei Rebecca vorbei. Sie hat in ihrem wunderschönen Blog viele tolle Ideen zusammengetragen!


4 Kommentare:

  1. wir sind ja auch waldorfeltern.
    Leben nicht NUR (streng) nach dem Konzept, wie du villeicht schon gemerkt hast, aber größtenteils :)
    Was Spielzeug angeht, kann ich aus erfahrung sagen, dass Waldorf sogar preiswerter ist, als plastik.
    Denn Julietta hat ja zu 95% Holz und Naturmaterilalien wie zb: Kastanien (gesammelt), Steine(gesammelt), gehäkelte Tiere(selbstgemacht), genähte Dinge(selbstgemacht), Rasseln(mit Reis zb selbst gemacht), Muscheln(gesammelt) und dinge wie Kugelbahn, Steckspiele, Bauklötze kaufen wir meist aufm Flohmarkt oder machen es auch selbst :)
    Knete und solche Dinge werden bei uns auch selbst gemacht.

    Was Essen angeht:
    Wir kaufen auch größtenteils im Biomarkt.
    Bio ist nicht immer gleich teuer, habe ich die Erfahrung gemacht.
    Wie du schon sagst.
    Man muss einfach Preise vergleichen oder Wochenangebote kaufen, dann bezahlt man garnicht so viel mehr :)
    Ausserdem ist ein Bund Möhren billiger als eine Dose und von der Menge eh mehr. Schmecken tuts sowieso besser, darüber brauch man nicht diskutieren :D

    Kleidung kaufe ich nicht nur Bio.
    Muss ich zugeben.
    Aber das was ich Bio kaufe, meistens im Second hand laden.
    Aber auch schonmal Neu.
    Alana zb haben wir sehr viel aber ab und an darfs auch ein wolle seide body oder ne walkjacke sein, die was teurer sind.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Hanna,
    vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Ich sehe das genauso - wobei wir hier leider weniger waldörflich leben, als das ich mir es wünschen würde...
    Allein ein Punkt ist da schon noch: Die Beiträge für Kindergarten und Schule. Das kann man sehen wie man will: An dieser Stelle wird es schon elitär. Sicherlich ist es so, dass Menschen mit geringerem Einkommen entgegen gekommen wird. Wenn ich aber denke, wieviel wir in den letzten Jahren an den Kindergarten bezahlt haben und was da jetzt noch für ein Batzen mit der Einschulung auf uns zu kommt, ist das schon eine ganze Menge.
    Ich verstehe, wie sich das Geld zusammensetzt und bin natürlich gern bereit, dass Geld aufzubringen. Ich habe ja selbst Waldorfpädagogik studiert... Aber es ist eben viel Geld und ich kann gut verstehen, dass das viele Menschen abschreckt. (zumal ich persönlich auch kritisieren muss, dass an den Schulen und Kindergärten erstmal an Transparenz fehlt. Es ist für uns z.B. geradezu unmöglich herauszufinden, Schulen bezahlen werden. Klar - beim Finanzgespräch löst sich das auf. Allerdings findet das ja auch erst nach der Aufnahme statt.)
    Liebe Grüße
    Katharina

    AntwortenLöschen
  3. Wir sind noch keine Waldorfeltern (Baby ist noch zu klein für den Kiga), aber ich finde das sehr schön und wichtig, was du schreibst. Ich mag die Ideen, vor allem die Gestaltung der Räume und Spielsachen der "Waldis" auch sehr. Aber es muss nicht immer so dogmatisch sein. Im Gegenteil, deine Einstellung finde ich gesund. So schön und gut die Waldorfsachen sind - es wird schnell zu einem elitären Gehabe, wenn es, wie du beschreibst, nur dieses Spielzeug, Essen usw. sein MUSS. In diesem Zwang verliert die Waldorfpädagogik ihre Leichtigkeit und Schönheit. Warum die teuren Spielsachen kaufen, wenn Kinder auch reines Naturmaterial "beseelen" und vielleicht noch viel mehr Freude daran haben, als an der teuren Ost*heimer Figur. Natürlich ist es schön solches Spielzeug im Regal zu haben und wir wünschen uns auch das eine oder andere, aber es geht auch viel einfacher. Besser als ein Schrank voller toller Spielsachen ist Liebe und Zeit. :)

    Alles Liebe Mondenkind

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Hanna,

    vielen Dank für Deinen wundervollen Beitrag! Das war genau das, was ich mir so oft wünsche...und oft fehlte. Einen Austausch unter Eltern....
    Wie von Katharina geschrieben, fehlt oft die Tansparenz... auch zu Familien...habe schon erlebt, das man sich nicht gerne in die "Karten" schauen lässt... schade eigentlich!
    Dabei lernt man doch so gut von einander!

    Was die Spielsachen an geht, ist es bei uns schwieriger. Wir sind leider nicht von Anfang an dabei. Unsere Grosse findet auch viele "Plastik" Spielsachen toll...
    und die Grosseltern erst ... :-/
    Aber ich denke, ein gesundes Maß ist ok.

    Liebe Grüsse & gute Besserung
    wünscht Dir Sue* aus dem
    Winter Wonder Land :-/

    AntwortenLöschen

Was denkt ihr?
Ich freue mich über eine Nachricht von euch!